Schönheit also.

Schönheit also: –

 

Schönheit ist Oberfläche. Schönheit ist ertastbar. Schönheit kann geschaut werden. Schönheit verführt. Schönheit kennt keine Tiefe. Schönheit ist kalt und leblos. Schönheit erschreckt. Schönheit macht Angst. Schönheit kennt keinen Makel. Schönheit ist eigentlich etwas ganz unmögliches. Schönheit ist nichts als Oberfläche.

 

Was fasziniert uns, die Menschen, an der Schönheit, der Perfektion? – Ihre Unerreichbarkeit. – Was ängstigt uns, die Menschen, an der Schönheit, der Perfektion? – Die Kälte, das Leblose, das inkommensurable, unerklärbare an Ihr. – Was lässt uns, die Menschen, die Schönheit, die Perfektion lieben? – Dass sie uns, dem Augentier, die Sinne streichelt, dass wir sie, die Schönheit, besitzen möchten, dass wir uns Ihr, der Schönheit, annähern, ihr gleichen möchten, dass wir Sie, die Schönheit, bewundern, bestaunen, sie uns berauscht, verrückt macht, weinen lässt. – Wieso hassen wir, die Menschen, die Schönheit, die Perfektion? – Weil wir sie nie in uns verwirklichen können, weil sie uns fremd bleibt und bleiben muss, weil die Natur keine perfekte Schönheit kennt und ertragen kann.

 

Schönheit also: – 

 

Man könnte sagen, dass wirkliche Schönheit, Perfektion, nur in der Mathematik zu finden sei. Eine geometrische Figur, eine Formel, sie besitzen nur und nichts als Perfektion, betrachtet man sie auf diese Art. Alles, das lebt, kann sich der Perfektion, der wirklichen Schönheit nur annähern. Und die zweckfreie Nachbildung der Natur und des Menschen, in einer Kunst, die sich der Suche nach der Schönheit verschrieben hat, wird, um sich diesem Ziel anzunähern, immer idealisieren, nur ausgehen von der Wirklichkeit und diese so weit überhöhen, wie es die Kunstfertigkeit eben noch zulässt.

 

Stellen wir uns die perfekte Schönheit vor. Als weiblichen Menschen. Niemand würde mit dieser Perfektion leben, geschweige denn diese lieben können. Sie würde uns Hochachtung, Bewunderung, Anbetung, Angst, Hass einflüstern. Wir würden sie vielleicht nicht einmal gern ansehen. Die Schönheit selbst aber würde sich am wenigsten ertragen können.

 

Es gibt aber diese Schönheit, die einen Makel hat, der ihr etwas Lebendiges verleiht, der sie interessant macht. Bei einer Frau: eine zu stupsige, zu spitze, zu lange Nase, zu kleine Brüste, ein Leberfleck links neben den schmollenden, weichen Lippen, ein Sprengsel in der Iris, Sommersprossen, kleine oder große Ohren, eine Narbe. Erst der kleine Makel macht eine schöne Frau ertragbar, lebendig, liebenswert, interessant, lächelt uns an und flüstert: komm her, lern mich kennen, ich bin auch nur ein Mensch. Der Makel ist es, den man in der Schönheit lieben lernt, den man nach und nach höher schätzen mag als das, was genau richtig ist, was die Schönheit der Frau erst richtig zur Geltung bringt und sie zu etwas ganz besonderem macht. Lieben sie ihren Makel, meine lieben, schönen Damen.

 

Bei Männern, sage ich, verhält es sich auch nicht anders.

 

Schönheit also. Perfektion. Oberfläche. Sinnlichkeit. Untiefe. Kälte. Leblosigkeit. Angst. Unmöglichkeit. Oberfläche.

 

Und: –

Liebenswerter Makel.

Über philippkoch

author and curator, specializing in literature and writing on visual arts
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