French Connection

Die erste Runde der französischen Präsidentschaftswahlen ist rum, der Pulverdampf senkt sich über das Schlachtfeld der Medienberichterstattung (zumindest hier in Deutschland) und die beiden üblichen Verdächtigen, Nicolas Sarkozy und Francois Hollande, bereiten sich vor, einander an die Kehle zu gehen, bis am 6. Mai die Stichwahl losgeht. Für uns Deutsche mit unserem Verhältniswahlrecht ja auch so eine komische Sache, diese Stichwahl – da wird keine Koalition gemacht, ja da wird nicht einmal eine Partei gewählt, da geht es um die Person allein – den Präsidenten als Repräsentant des Staates und (sozusagen) überparteiliches Wesen. Was im allgemeinen ganz einfach ein anderer Modus operandi ist, verkommt in dieser Wahl zu einem nervenaufreibenden Psychothriller zwischen zwei gleichermaßen problematischen Alternativen, die von vielen Franzosen als eine Art Schicksalswahl angesehen wird (Drama, ich weiß, aber das Politische wird in Frankreich deutlich heißer diskutiert und gelebt, als im ruhigen und meist etwas langweiligen, lieben alten Deutschland).

Die Alternativen sind schnell beschrieben: hier Sarkozy, der amtierende Präsident, bei beinahe allen unbeliebt, teils wegen seines Stils, teils wegen des versuchten Umbaus Frankreichs in Richtung eines für die Globalisierung fitteren und die erhöhte Lebenserwartung seiner Bewohner angemesseneren Wirtschaftsmodells, auf der anderen Seite der Sozialist Hollande, der ein gutes Stück weit den Status Quo zu verteidigen scheint, auf die Reichen losgeht (diskutiert wird ein Steuersatz von bis zu 75 Prozent für Einkommen ab einer Millionen im Jahr) und der – für unsere momentane Regierung bitter, für Europa vielleicht ein Segen – den Stabilitätspakt zumindest nicht ungefragt in seiner derartigen Form hinnehmen will. Letzteres erklärt auch die immense Aufmerksamkeit und Aufregung deutscher Medien für diesen Wahlkampf, der vielleicht zum ersten Mal mindestens dieselbe Aufmerksamkeit erregt hat, wie ein Präsidentschaftswahlkampf in den USA. Beinahe ist so zum ersten Mal eine deutsch-französische, ja, europäische Öffentlichkeit entstanden, Missverständnisse auf beiden Seiten eingeschlossen. Das eine deutsche Kanzlerin offen im Wahlkampf für einen französischen Präsidenten eintritt, wäre vor ein paar jahren wohl noch undenkbar gewesen – und besonders goutiert wurde es auch diesmal nicht. Das diese gegenseitige „Niebelungentreue“ nicht einmal vor populistischen Einwerfungen wie dem Aussetzen des Schengener Abkommens halt macht (eine komplette Idiotie), zeigt sehr deutlich,wie wenig Spielraum Frau Merkel bleibt, würde doch ein sozialistischer Präsident in Frankreich ihre europäische Zuchtmeisterrolle gefährden, während sie im Inland Milliarden an Herdprämien und Rentenboni auszahlen möchte, die außer ein paar eingefleischten Erzkonservativen eigentlich niemand haben will.Auf der anderen Seite steht Deutschland in Frankreich für ein wirtschaftliches Erfolgsmodell, steht für die Aneignung der Globalisierung, vor der man in Frankreich eine beinahe schon irrationale Angst hat (der links von Hollande stehende Mélenchon der immerhin 11 Prozent der Stimmen auf sich vereinigen konnte, hat als zentralen Programmpunkt zum Beispiel das Verbot dert Vertlagerung von Fabriken und Produktionsstätten ins Ausland, wie das Verbot der Schließung und der (Massen-) Entlassungen). Was gern übersehen wird (von den französischen Sozialisten aber im Wahlkampf mehr oder weniger vergeblich angesprochen wurde), ist die Prekarität und die teilweise ins Ausbeuterische hineinragende Art dieses „deutschen Aufschwungs“, der zulasten von ca. fünf Millionen Minijobbern, um die drei Millionen (böse Zungen behaupten: rechtlosen) Zeitarbeitern und einer Lohnpolitik erzielt wurde, bei der die Reallöhne über einen Zeitraum von zehn Jahren effektiv gesunken sind, während Unternehmensgewinne und Gehälter in den Führungsetagen exponentiell stiegen. Eine Form der wirtschaftlichen Entwicklung, die in Frankreich, wo man égalité, Gelichheit, wirklich ernst nimmt, wahrscheinlich zu einer „Revolution“ führen würde, an deren Ende man sich mit einer radikalen oder populitischen Partei an der Spitze der Grand Nation auseinandersetzen müsste (wieso dies in Deutschland im Großen und Ganzen so hingenommen wird, ist ja auch wirklich nicht ganz eingängig).

Überhaupt die Radikalen. Während Hollande in der zweiten Runde die Nase vorn hat (Prognosen sehen ihn bei 56 Prozent gegenüber Sarkozy mit 44), stimmten in der ersten Runde beinahe 33 prozent, also ein Drttel(!), der Franzosen für eine radikale, Europa- und im Falle der Front National zutiefst Ressentiment beladene, ausländerfeindliche Partei (Die Front National ist bei etwas über 18 Prozent mit ihrem bisher besten Wahlergebnis, daneben Mélöenchon und andere linke Splitterparteien mit zusammen ind etwa 15 Prozent). Dies ist das eigentlich wichtige – und hoffentlich für beide Kandidaten ernst zu nehmende – Ergebnis der ersten Runde. Bei einer erstaunlichen Wahlbeteiligung von 80 Prozent kann man diese Entwicklung nicht ernst genug nehmen – auch wenn sicher eine Reihe von Protestwählern an die Ränder ausgewichen sind. Jetzt, im Nachlauf der ersten Wahlrunde, versammeln sich die Linken ohne Bedingungen hinter Hollande, um eine zweite Amtszeit Sarkozys zu verhindern. Sarkozy hingegen, der Präsident der Reichen, wie man allerorten zu hören bekommt, prescht hinüber ins populistisch Rechte, ja ins dumpf-schwüle des Nationalen, um die Wähler der Front National zu umwerben und legitimiert damit nicht nur einige derer eher absurden Forderungen, sondern die Existenz und das Programm dieser (unsäglichen) Partei überhaupt. Mag die Liebe der Franzosen für Mélenchon (dem auch mehr als 11 prozent zugetraut wurden) für uns Deutsche mit unserem sozialistisch – kommunistischen Trauma der DDR nicht nachvollziehbar sein, geht die Front National sogar beinahe gegen unsere Staatsräson, leugnete der Ex- Vorsitzende doch gar einmal Auschwitz.

Qou vadis, Frankreich? – Wahrscheinlich ein wenig nach links, wahrscheinlich ein wenig tiefer hinein in die eigenen, strukturellen Probleme, für die es (leider) keine angenehmen Lösungen geben wird (für die wir ja aber Frankreich auch irgendwie lieben – die Streiks, die Rente mit 62, die Gemeinschaft der Citoyen, die wirklich miteinander streiten, alles Dinge, von denen wir bei uns ruhig mehr gebrauchen könnten), und die Frage wie umgehen mit diesem großen Pool an Unzufriedenen, Abgehängten, ja vielleicht auch Verzweifelten, die sich in die Arme der Radikalen werfen. Umschmeicheln und ihnen damit sogar noch Recht geben, das zumindest kann und darf nicht die Lösung sein.

In nicht ganz zwei Wochen geht es dann also weiter und das aufgeregte Nägelkauen vor den Fernsehern geht wieder los, bis die ersten Umfrageergebnisse heraus sind – es geht für viele in Frankreich ja wie gesagt um mehr, als nur um einen neuen Präsidenten, es geht ihnen, so kann man das vielleicht sagen, um ihr Land, das sie lieben und um eine gerechtere Welt. Kleinere Brötchen backt man in Frankreich nun einmal nicht.

Über philippkoch

author and curator, specializing in literature and writing on visual arts
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